Blutiger Putschversuch erschüttert die Türkei

Blutiger Putschversuch erschüttert die Türkei

Ein Putschversuch des Militärs hat in der Nacht auf Samstag die Türkei erschüttert. Mindestens 90 Menschen kamen bei gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Hauptstadt Ankara und der Metropole Istanbul ums Leben. Präsident Recep Tayyip Erdogan, der seine Anhänger zum Widerstand aufgerufen hatte, traf in Istanbul ein und gab sich siegessicher. In Ankara wurde auch noch in der Früh gekämpft.

Bei einer Operation gegen Umstürzler am Hauptquartier der Gendarmerie in Ankara wurden nach Angaben aus türkischen Regierungskreisen 16 Putschisten getötet. Fast 1.600 Putschisten seien festgenommen worden, hieß es am Samstagmorgen aus Regierungskreisen. Das Hauptquartier der Gendarmerie sei „von Putschisten befreit“ worden. Fünf Generäle und 29 Oberste seien ihrer Posten enthoben worden.

Der von Putschisten festgehaltene Armeechef Hulusi Akar wurde laut einem Fernsehbericht von türkischen Sicherheitskräften befreit. General Akar sei an einen sicheren Ort gebracht worden, berichtete der private Fernsehsender CNN-Türk am Samstagmorgen. Demnach fand die Befreiung nach dem Putschversuch von Teilen der Armee während eines Einsatzes am Luftwaffenstützpunkt Akinci nordwestlich der Hauptstadt Ankara statt.

Zum Zeitpunkt des Putsches hatte sich Präsident Erdogan im Badeort Marmaris an der Mittelmeerküste befunden. Nachdem die Armee am Freitagabend in der Hauptstadt die Übernahme der Macht verkündet hatte, wandte er sich über ein im Fernsehen ausgestrahltes Videotelefonat an die Bürger. Erdogan rief die Türken auf, die Ausgangssperre zu missachten und zu demonstrieren. Tausende Menschen folgten dem Aufruf. Auch in Wien demonstrierten in der Nacht 4.000 Erdogan-Anhänger. Sie zogen von der türkischen Botschaft über den Ring zum Stephansplatz.

Der Präsident wurde in der Nacht am Istanbuler Flughafen von jubelnden Anhängern empfangen. Er kündigte ein hartes Vorgehen gegen die Aufständischen an. Er wolle die Armee „säubern“. Erneut machte er die Bewegung seines Intimfeindes Fethullah Gülen für den Putsch verantwortlich.

Gülen selbst verurteilte den Umsturzversuch und wies die Anschuldigungen Erdogans zurück. Er habe in den vergangenen Jahrzehnten selbst mehrere Militärputsche in seinem Heimatland miterleben müssen, daher sei die Behauptung, er sei in den Staatsstreich verwickelt, „besonders beleidigend“, erklärte der in den USA lebende Geistliche in der Nacht zum Samstag.

Erdogan rief seine Anhänger auf, weiter auf den Straßen zu bleiben, bis sich die Lage normalisiert habe. Sein Ministerpräsident Binali Yildirim sagte, die Lage sei „weitgehend unter Kontrolle“. Rund 754 Putschisten sind nach Angaben eines Regierungsvertreters festgenommen worden. Zuvor hatte es Berichte gegeben, dass sich in Istanbul Dutzende Soldaten von Polizisten entwaffnen ließen. Im Fernsehen war zu sehen, wie einige Soldaten an der Bosporus-Brücke von Polizisten abgeführt wurden. Auf der Brücke waren in der Nacht Panzer aufgefahren. Yildirim wies das Militär auch an, von Putschisten gekaperte Flugzeuge durch Kampfjets abschießen zu lassen.

Die Putschisten erklärten, dass sie weiter „entschlossen“ kämpfen wollen. Sie riefen die Bevölkerung in einem E-Mail auf, zu ihrer eigenen Sicherheit in Räumen zu bleiben. Tatsächlich wurde in der Hauptstadt Ankara weiter gekämpft. In der Nähe des Präsidentenpalastes gab es einen Luftangriff. Wie aus Erdogans Umfeld verlautete, griffen Kampfjets Panzer der Putschisten an, die vor dem Palast aufgefahren waren. CNN Türk meldete den Abschuss eines Militärhubschraubers. Dieser soll dem Bericht zufolge auf die ebenfalls in der Hauptstadt befindlichen Büros staatlichen Satellitenbetreibers Türksat gefeuert haben. Die Putschisten hatten zeitweise die Kontrolle über den Staatssender TRT und den Privatsender CNN Türk übernommen, dann aber wieder verloren.

Auch die Angriffe auf das Parlamentsgebäude in Ankara hielten an. Dennoch soll am Samstagnachmittag eine Sondersitzung der Volksvertretung stattfinden. Parlamentspräsident Ismail Kahraman sagte, dass kein Abgeordneter bei dem Bombardement des Gebäudes in der Nacht zu Schaden gekommen sei. Auf TV-Bildern war zu sehen, dass das Dach des Parlaments beschädigt, aber nicht zerstört wurde.

Laut einem Medienbericht haben sich fast 200 unbewaffnete Putsch-Soldaten, die sich im Hauptquartier der Streitkräfte in Ankara verschanzt hatten, ergeben. Die Soldaten hätten sich den Sicherheitskräften gestellt, berichtete Anadolu Samstag früh. Zuvor hätten sie ihre Waffen niedergelegt.

Beim Putschversuch kamen nach einem Bericht des Senders NTV bereits mehr als 90 Menschen ums Leben, 1.154 Personen wurden verletzt. Die Grün-Abgeordnete Berivan Aslan geht von 100 bis 150 Toten aus. Laut Ministerpräsident Yildirim wurde auch ein General, der zu den Putschisten gehörte, getötet. Regierungskreisen zufolge wurde Umit Dundar kommissarisch zum Stabschef des Militärs ernannt.

Die USA und die EU erklärten ihre Unterstützung für die demokratisch gewählte türkische Regierung und riefen ebenso wie UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon zur Ruhe auf. Aus der syrischen Hauptstadt Damaskus wurden Freudenschüsse gemeldet. Erdogans Regierung gehört zu den Gegnern von Syriens Präsident Bashar al-Assad. Etwa zwei Millionen syrische Flüchtlinge halten sich in der Türkei auf.

Während des Putsches war auch der Flugverkehr in Istanbul zum Erliegen gekommen. Mehrere Fluggesellschaften strichen ihre Türkei-Verbindungen. Niki (Air Berlin) strich einen Flug nach Antalya, der um 4.35 Uhr in Wien abheben sollte, die AUA einen für 5.15 Uhr geplanten Flug nach Dalaman. Auch die beiden Rückflüge, die um 10.40 Uhr (Niki, Antalya) und 11.10 Uhr (AUA, Dalaman) ankommen sollten, wurden gestrichen.

Österreichs Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) forderte am Samstag angesichts der Situation in der Türkei, dass „unverzüglich der Weg zurück zum Dialog und zur Rechtsstaatlichkeit beschritten“ wird. In einem Statement auf seiner Facebookseite erklärte Kern weiter: „Meine Anteilnahme gilt den Familien der Toten“.

Die türkische Regierung habe nach dem versuchten Militärputsch die schwierige Verantwortung, Gräben zu überwinden und alle Bevölkerungsgruppen zusammenzuführen. Gewalt könne nie ein Mittel der politischen Auseinandersetzung sein, betonte Kern mit Verweis auf die Toten und Verletzten in der Türkei.

Auch Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) forderte eine „Rückkehr zur rechtsstaatlichen Ordnung“ in der Türkei. „Es sind alle Kräfte in der Türkei gefordert, Menschenleben zu schützen und Rechtsstaat und Demokratie zu achten“, betonte Kurz am Samstag in einer telefonischen Stellungnahme gegenüber der APA. Die Situation sei „nach wie vor sehr unübersichtlich“.

Kurz zeigte sich besorgt, dass die „schwierige innenpolitische Situation“ in der Türkei jetzt „noch angespannter“ sei. Bereits seit Mitternacht tage ein Krisenstab im Außenministerium, berichtete Kurz, der sich derzeit in der an die Türkei angrenzenden irakischen Kurdenregion aufhält.

Er rufe die Österreicher in der Türkei „dazu auf, Häuser, Hotels oder sichere Orte nicht zu verlassen, bis sich die Situation entschärft hat“, sagte Kurz. Derzeit hielten sich Schätzungen zufolge bis zu 10.000 Österreich im Land auf. Über das Registrierungssystem des Außenministeriums gemeldet haben sich 3.300 Personen. Der Außenminister berichtete, dass das Team in der Botschaft „aufgrund der zahlreichen Anrufe massiv aufgestockt“ worden sei.

Außenministeriums-Sprecher Thomas Schnöll sagte dem Ö1-Morgenjournal, es gebe keine Hinweise, dass unter den Todesopfern der gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Türkei auch Österreicher seien. Das Außenministerium hat eine Beratungshotline (0043-1-90115-4411) eingerichtet.

Der Iran verurteilte den versuchten Putsch im Nachbarland Türkei. „Wir unterstützen die vom türkischen Volk demokratisch gewählte Regierung und verurteilen den Putsch“, sagte der Sprecher des iranischen Sicherheitsrats am Samstag. Seit den frühen Morgenstunden verfolge man in Teheran akribisch die Lage.

Das türkische Militär hat in der Vergangenheit bereits mehrfach die Macht an sich gerissen, um die säkularen Grundlagen des Staates zu verteidigen. Erdogan wurde 2003 Ministerpräsident und ist seit 2014 Staatsoberhaupt der Türkei. Er strebt eine größere Machtfülle für das Präsidentenamt an.

Quelle: APA, 10.01 Uhr, 16.07.2016

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